Die Route führte über eine Fähre, das war mir gar nicht bewusst, bis ich nach einigen km durch einen einsamen Wald vor einer Fähranlegestelle stand. Dummerweise war zu der Zeit wegen Niedrigpegel von etlichen Fährverbindungen nur noch eine einzige in Betrieb. Also blieb mir nichts anderes übrig, als wieder zurück nach Steckby und von dort weiter südwärts bis zur nächsten Fähre zu fahren.
Leider blieb es an diesem Tag nicht bei diesem einen Unweg…
Die Reise führte weiter durch die Ebene des Südlichen Anhalts.
In der Nähe des Harzgebirges tauchten die stummen Zeugen aus der Zeit der Kohleförderung auf.
Wunderschönes Abendlicht half über die Müdigkeit und die Länge der Fahrt entlang des Südharzabhangs Richtung Nordhausen hinweg.
Recht spät erst erreichte ich die nette Privatpension.
Dadurch, dass ich mit Pritzwalk nach kürzerer Strecke als geplant übernachtet hatte, ergab sich für den nächsten Tag nochmals eine grenzwertig lange Etappe, aber durch sehr schönes Gebiet. Ein Teil davon auf dem Elbe-Radweg.
Der Weiler Steckby ist vergleichbar mit Trittelwitz. Er versteckt sich zwischen Magdeburg und Dessau-Roßlau irgendwo im weiten Grün entlang der Elbe. Gemütliches Zimmer in der Pension zum Biber.
Vor der Abfahrt stattete ich dem Fluss, der etwas unterhalb der Siedlung lag, einen kurzen Besuch ab.
Peene
Die Peene wird wegen ihrer üppigen Vegetation von den Einheimischen gerne mit Stolz „Amazonas des Nordens“ genannt. Kein Wunder, dass es hier so schön ist, denn ich bin wieder in einer „Schweiz“ angelangt, diesmal der Mecklenburgischen Schweiz.
Mecklenburgische Seenplatte
Für den nächsten Abend hatte die Reservation einer Unterkunft nicht geklappt. Eigentlich hätte ich in Havelberg übernachten wollen, wo die Havel in die Elbe mündet. So suchte ich mir statt dessen die nächste grössere Stadt und dachte, dass ich da problemlos ein Hotel finden würde. So steuerte ich Pritzwalk an.
Nachdem ich 4 Hotels ausfindig gemacht hatte, was schon nicht ganz einfach war, stellte ich fest: Das erste öffnete nur für Hochzeiten und andere Feiern, das zweite gar nicht. Im Vierten schliesslich wurde ich als einziger Gast immerhin geduldet.
Das ist die perspektivenlose Situation in manchen Gegenden Ostdeutschlands, sobald man sich ausserhalb der prosperierenden Zentren wie Leipzig, Berlin, Dresden oder den touristischen Hotspots bewegt. Und sie gibt eine Erklärung für manche gegenwärtigen politischen Tendenzen.
Heute wäre der Tag gewesen, an dem ich mein Ziel erreichen sollte, aber die Ostsee wollte mich nicht haben! Ich beabsichtigte nach Anklam zu fahren, dort auf Usedom überzusetzen und auf Usedom der Küste entlang zu fahren. Um dem Tourismus zu entgehen, war meine nächste Unterkunft aber bereits wieder im Landesinneren vorgesehen, in Trittelwitz, einer Handvoll Häuser an der Peene. Die Fahrt durchs Naturschutzgebiet Richtung Anklam war wunderschön.
Die Fähre fuhr nicht und die Abzweigung für Velos nach Usedom verpasste ich. Ich sah nur den Beginn einer für Velos verbotenen Autostrasse. Das Navi leitete mich in die Irre. Nach einiger Zeit merkte ich, dass es mich vom Meer weg in die Richtung der nächsten Unterkunft führte. Ich war frustriert.
Hier war der Wendepunkt
Sollte ich nach all den Strapazen mein eigentliches Ziel verfehlen? Und wusste doch gleichzeitig, dass ich am Abend in Trittelwitz sein sollte. Mit einem Blick auf die Karte kam ich zum Schluss, dass ich von der jetzigen Position aus und im Hinblick auf mein Tagesziel am schmerzlosesten ans Meer käme, wenn ich nach Greifswald fahren würde. So raste ich mit gesenktem Kopf, über eine weite Strecke auf einer meist schnurgeraden hässlichen Hauptstrasse Greifswald entgegen, während sich der Himmel zunehmend verdunkelte. Dummerweise liegt aber Greifswald selber gar nicht am Meer.
GreifswaldDiesmal die Variante mit horizontaler Drehung
Die nächste Herausforderung war der Entscheid, auf welchem Weg ich am schnellsten von dort ans Meer käme. Ich geriet zunehmend unter Zeitdruck. So erreichte ich schliesslich die Küste am wohl unromantischsten Ort, den man sich aussuchen konnte, sass auf einer Parkbank auf dem Scheitel eines Damms neben einem Industriedock, sah vorne kurz aufs Meer und hinten beunruhigt auf dunkle Wolken. Irgendwie konnte ich es kaum geniessen, das Ziel erreicht zu haben, und war in Gedanken sorgenvoll schon wieder auf dem Rückweg…
am MeerDer düstere Blick in die andere Richtung…
So hatte ich mir die Inszenierung der Ostsee nicht vorgestellt!
Hier die Variante Klappbrücke mit Manpower
Die Weiterfahrt war ein hässliches Rennen gegen die Zeit, gegen den Autoverkehr und gegen ein drohendes Unwetter, belohnte mich aber am Ende mit einem kleinen Paradies in jeder Hinsicht. Die Unterkunft ein Bijou (jedes Zimmer war in einer anderen Farbe liebevoll durchgestylet, meins in Rot), die Gatfreundschaft maximal, das Wetter unterdessen wieder heiter.
Das Tüpfchen aufs -i- war, dass just an diesem Abend im Restaurantgarten ein Livekonzert gegeben wurde. Ich sass mit Dorfbewohnern im Pensionsalter zusammen an einem Tisch und erfuhr dadurch zwischen den musikalischen Darbietungen auch ganz viel darüber, wie die Volksseele in dieser Gegend tickt.
Stadtbesichtigung Berlin und Berlin – Templin (116 km)
Am Samstag Morgen war ich gespannt, diese Stadt erstmals mit eigenen Augen zu erkunden.
Tempelhofer FeldBrandenburger TorReichtagsgebäudean der SpreeDenkmal für die ermordeten JudenÜber moderne Baukunst lässt sich streiten…Potsdamer PlatzCheckpoint CharlieMarkierung der Berliner MauerFernsehturm am Alexanderplatz
Nachdem ich am Vormittag die Stadt besichtigt hatte, erfolgte die Ausfahrt aus der grossen Stadt erstaunlich reibungslos. Auch an diesem Tag zeigte sich Berlin von der velofreundlichen Seite. Trotzdem genoss ich es, dass mich die Natur wieder umfing. Kontrastprogramm mit der Fahrt durch die Schorfheide.
Da dieser Tag schwer planbar war, hatte ich für diesen Abend ausnahmsweise keine Unterkunft reserviert. Die Suche erwies sich schwieriger als gedacht. Erst spät fand ich in Templin eine schmucke Absteige:
Templin am nächsten Morgen
Rekordverdächtig war die Anzahl Schlüssel, mit der ich mich herumschlagen musste, um das Fahrrad einstellen zu können:
Der Osten Deutschlands hat aber nicht nur Pflastersteine zu bieten. Angenehm in der Sommerhitze sind die vielen Alleen entlang der Hauptstrassen.
So legte ich an diesem Tag zwischen Leipzig und Berlin die Kilometer zügig zurück. Ich teilte über grössere Strecken die Welt mit den Lastwagenfahrern. Nicht nur auf der Strasse, auch hier in diesem amerikanisch anmutenden Truckstop:
Man kann nicht alles. Zeit für Kultur und zugleich ein Meer erreichen und wieder nach Hause fahren wollen verträgt sich leider schlecht miteinander. Manche mögen den Kopf schütteln, wenn ich zugebe, dass ich die Lutherstadt Wittenberg wörtlich links liegen liess:
Lutherstadt Wittenberg
In Berlin machte ich eine Ausnahme. Auf der langen Fahrt durch Vororte und Quartiere bis in die Innenstadt zeigte sich mir die Hauptstadt zunächst mal als ausgeprägte Velostadt. Schnell habe ich das richtige Fahrverhalten an den Kreuzungen gelernt und ich schätzte, dass im Gegensatz zu Zürich die Fahrradwege möglichst durchgehend angelegt sind.
In Berlin wurde ich von einem Schweizer Freund und seiner Partnerin gastlich aufgenommen, die am Kreuzberg eine schmucke Altstadtwohnung mit unglaublich hohen Räumen bewohnten.
5 Tage reichten, um trotz Gluthitze von Zürich nach Berlin zu gelangen!
Stegenwaldhaus befindet sich kaum 30 km vom westlichsten Zipfel Tschechiens entfernt. Kurz nach der Abfahrt befand ich mich bereits in der Gegend der früheren DDR. Als ich nach einer rasenden Abfahrt in die erste Ost-Ortschaft brutal von den unerwarteten Pflastersteinen empfangen wurde, ahnte ich noch nicht, dass dies eine gute Woche lang in unzähligen Ortsdurchfahrten zur Normalität werden sollte.
Die Trostlosigkeit des vergessenen Ostens zeigt exemplarisch die „Aussicht“, die ich hatte, während ich auf die Öffnung dieses Bahnübergangs wartete:
Schwungvoll fuhr ich aus den Hügeln hinaus, die immer flacher wurden und schliesslich flachem Gelände wichen.
In Leipzig reichte die Wärme der Abendsonne immer noch, um die Velokleider, die ich im Hotel gleich mir mir zusammen unter die Dusche genommen hatte, restlos zu trocknen.
Am nächsten Tag lief es mir zum Glück wieder besser, obwohl die Temperaturen um nichts tiefer waren und das Gelände wieder hügeliger wurde. Aber Abwechslung und immer wieder mal Schatten der Bäume sorgten für Linderung. Es gibt ja in Deutschland mehr „Schweizen“ als in der Schweiz selber. Eine davon ist die „Fränkische Schweiz“, die ich von einem früheren Besuch her schon ein bisschen kannte.
Fränkische Schweiz
Mein Ziel war ein Hotel in Stegenwaldhaus, einem Aussenweiler von Selbitz. Dank seiner Nähe zur Autobahn hatte es in dieser vergessenen Gegend eine Daseinsberechtigung. Nach dem Abendessen genoss ich in den umliegenden Feldern bei den Hasen einen wohltuenden Abendspaziergang.
Eigentlich wollte ich nicht 200 km an einem Tag fahren. Ich hatte für meine nächste Übernachtung auf warmshowers einen Gastgeber gefunden ungefähr dort, wo ich mir den nächsten Etappenhalt wünschte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er umgezogen war und vergessen hatte, sein Profil zu aktualisieren. Als ich es doch noch vor meiner Abreise erfuhr, überlegte ich mir, ob ich mir die zusätzlichen 30 km antun wolle. Da ich mich aber sehr willkommen fühlte, nahm ich sie in Kauf.
Am Anfang lief alles gut. Ausgangs Ulm hatte ich eine Weile, die richtige Route zu finden. Ich verliess die mir bekannte Gegend entlang der Donau.
UlmBurg Katzenstein
In der Tagesmitte wurde es beinahe 40° warm und ich begann immer mehr zu leiden. Nach der Durchquerung des Nördlinger Ries wurde ich Opfer einer Krise, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Nichts mehr ging; Körper und Seele streikten. Ich musste mich spontan am Strassenrand hinlegen mit dem Gefühl, an diesem Tag keinen Meter mehr vom Fleck zu kommen, und wusste doch zugleich, dass ich bis am Abend Nürnberg erreichen müsste.
Nach einigen Minuten versuchte ich es erst mit Schieben, dann mit Schneckentempo fahren; allmählich begann es wieder zu laufen. Abends um 21 Uhr, kurz nach Sonnenuntergang erreichte ich mein Ziel, nachdem ich 13 Stunden unterwegs gewesen war.
Nürnberg
Bei meinem ersten Warmshowers-Aufenthalt erlebte ich in einer Studenten-WG herzliche Gastfreundschaft inklusive Ausgang im Multikulti-Quartier Nürnbergs. Das tat gut!